Ein leerer Sockel ohne Held

… oder die ungewöhnliche Geschichte der "Fourth Plinth"

Grosse Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, sagt man. Manchmal können aber auch kleine, an sich ganz unbedeutende ­Ereignisse überraschende Auswirkungen haben. So würde wohl niemand glauben, dass mir ausgerechnet eine Wanderung im letzten Urlaub die erstaunlichsten Erkenntnisse zum leidigen Thema Kunst im öffentlichen Raum beschert hat. Und schon gar nicht, wenn ich behauptete, diese Erkenntnisse hätten etwas mit den ­napoleonischen Kriegen, eigentlich mit zwei Schlachten, nämlich der von Trafalgar und der vom Berg Isel zu tun und damit mit Andreas Hofer und Lord Nelson. Klingt zugegebenermassen etwas weit hergeholt, aber alles der Reihe nach …

Eine Wanderung ist an sich nicht ungewöhnlich, schon gar nicht für jemanden, der in den Bergen aufgewachsen ist. Etwas ungewöhnlicher vielleicht, dass mich der Weg nicht wie gewohnt hinauf und hinunter sondern viele Stunden barfuss und im Badeanzug an einem nicht enden wollenden Strand den Atlantik entlang führte, ebenerdig quasi. Schon etwas ungewöhnlicher mein Ziel: ein höchst prominenter historischer Schauplatz, das Cap of Trafalgar, wo just an jenem Tag vor genau 205 Jahren – wie sich vor Ort noch zusätzlich heraus stellen sollte – die berühmte Schlacht von Trafalgar erbittert getobt hat. Jene Schlacht, in der Lord Nelson die napoleonische Flotte besiegte, damit den Engländern endgültig die Vormachtstellung auf dem Seeweg durch die Strasse von Gibraltar sicherte und der letztendlich selbst dabei ums Leben kam. Nichts erinnerte dort an dieses Schreckensszenario und angesichts des strahlenden Wetters und einer ganz und gar nicht stürmischer See war es auch mir schwer vorstellbar. Dennoch war ich seltsam berührt und aufgewühlt ob der Szenen, die sich damals hier wohl abgespielt haben mögen. Immerhin waren 35.000 Seeleute auf insgesamt 60 Schlachtschiffen beteiligt, mehr als 5000 – darunter, wie gesagt, auch Lord Nelson selbst – verloren ihr Leben, Tausende wurden verwundet oder kamen in Gefangenschaft.
Historische Schlachten, noch dazu wenn sie gegen Napoleon gewonnen wurden, haben eines gemeinsam: die Opfer sind schnell vergessen, dafür erklärt man die Protagonisten zu ­Nationalheiligen, widmet ihnen Strassen oder Plätze, giesst sie in Bronze und lässt ihnen diverse Denkmäler errichten. Was in Tirol die Andreas-Hofer-Strasse und das Andreas Hofer-Denkmal am Berg Isel ist, das ist in

London der Trafalgar Square mit seiner berühmten Lord Nelson-Säule. So weit, so gut … spätestens hier aber hören die Gemeinsamkeiten auf.
Beseelt von den Eindrücken des Tages stürzte ich mich am Abend nämlich ins Internet und stiess über die Schlacht von Trafalgar und den Trafalgar Square schnell auf das Phänomen der sogannten "Fourth Plinth" und ich muss gestehen, ich staunte nicht schlecht. Neben der bekannten Lord Nelson-Säule stehen am Trafalgar Square noch zwei weitere Denkmäler, wobei bei der Errichtung ­einer vierten Heldenstatue im Jahre 1841 das Geld für ein geplan­tes Reiterstandbild ausging. Und so blieb der dafür bereits erbaute riesige Sockel auf Grund mangelnder Mittel kurzerhand leer. Allein dieser Umstand ist bemerkenswert, immerhin liegt der Trafalgar Square mit seinen 15 Millionen Besuchern im Jahr an vierter Stelle der meistbesuchten Touristen­attraktionen der Erde, aber es kommt noch besser.

1999, also über 150 Jahre später, hatte die Royal Society of Arts die Idee, den Sockel, zunächst vorübergehend, für Werke zeitgenössischer Kunst zu nutzen. Danach stand er zwar wieder für ­einige Jahre leer, das Projekt fand aber in der Öffentlichkeit derartig grossen Anklang, dass ein von der Regierung eingesetztes Komitee zur künftigen Nutzung des Sockels nach jahrelangen Debatten und den verschiedensten Personenvorschlägen für unterschiedlichste Heldenfiguren aus Militär und Politik schliesslich zu einem eindeutigen Ergebnis kam: Unter Zugrundelegung der Auswertung der öffentlichen Reaktionen auf das damalige Projekt der Royal Society of Arts empfahl das Komitee einstimmig, "die vierte Plinthe solle weiterhin für Serien zeitgenössichischer Kunstwerke genutzt werden, die bei führenden nationalen und internationalen Künstlern in Auftrag gegeben werden". Und damit war der Startschuss für ein spannendes und weltweit beachtetes Kunstprojekt gegeben: der leere Sockel der "Fourth Plinth" als permanenter Ort der öffentlichen Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst. 2005 startete das Projekt mit einer Arbeit von Mark Wallinger, danach wurden Arbeiten von Rachel Whiteread, Marc Quinn, dem Deutschen Thomas Schütte, Anthony Gormley und mit Yinka Shonibare erstmals das Projekt eines nigerianisch-britischen Künstlers realisiert. Das nächste Projekt befindet sich gerade im Auswahlverfahren, wobei das Procedere dazu auch äusserst bemerkenswert ist: Die inhaltliche bzw. künstlerische Verantwortung wurde an die Greater London Authority, also die Stadtverwaltung Londons übertragen. Diese schreibt das Projekt international aus, eine fachlich kompetente Jury nimmt aus den Einreichungen sechs Projekte in die engere Wahl. Die Modelle dazu werden in der bekannten, sich ebenfalls am Trafalgar Square befindlichen Kirche St. Martin-in-the-Field öffentlich ausgestellt. Und damit nicht genug: Die Öffentlichkeit ist aufgefordert, sich an der Auswahl des Siegerprojekts zu beteiligen. Wer immer weltweit Lust dazu hat kann unter www.london.gov.uk/fourthplinth für das nächste Siegerprojekt, das übrigens 2012 während der Londoner Olympiade realisiert wird seine Stimme abgeben. Kunst im öffentlichen Raum vom Feinsten. Patsch. Das sitzt! Besonders angesichts der hierzulande schleppenden und müh­sam – um nicht zu sagen erfolglos – geführten Debatte um eine sinnvolle Kunst im öffentlichen Raum.

Schade eigentlich, dass den Tirolern damals für die Errichtung des Andreas Hofer-Denkmals am Berg Isel nicht das Geld ausgegangen ist, wie wohl zu bezweifeln wäre, dass sich die Tiroler für die Nutzung des dadurch leer gebliebenen Sockels ausgerechnet für zeitgenössische Kunst entschieden hätten. Man stelle sich das einmal plastisch vor: Zeitgenössische internationale Kunst statt Andreas Hofer! Zu schön um wahr zu sein: Ein von der Tiroler Landesregierung beauftragtes Expertengremium empfiehlt aufgrund des regen öffentlichen Interesses einstimmig, den damals aus Geldmangel bis heute leer gebliebenen Sockel des Andreas Hofer-Denkmals am Berg Isel hinkünftig als Ort der Auseinandersetzung mit internationaler zeitgenössischer Kunst zu bespielen. Dazu wird ein Gremium aus renommierten Kunstkuratoren bestimmt, das alle zwei Jahre einen geladenen Wettbewerb unter den führenden zeitgenössischen Künstlern weltweit ausschreibt. Die sechs von den Kuratoren zur Realisierung in die engere Auswahl genommen Projekte werden ein Jahr lang in der Wiltener Basilika der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt. Unter www.1809-2009.eu/v2/portal.php haben Interes­sierte die Möglichkeit, ihre Stimme für ihr persönliches Siegerprojekt abzugeben, das 2012 während den nächsten Innsbrucker Olympischen Spiele am Berg Isel realisiert wird …

Ulli Mair

Ps: die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht geht den Tirolern ja bei der Fertigstellung des Andreas Hofer-Museums das Geld aus …