„Ich komm von Tolstoi, ich komm von Homer, ich komm von Cervantes – stellt mir nicht solche Fragen!“

Einige Monate nachdem Lebkuchen in der Quengelzone des Einzelhandels auftauchen, kommt die Jahreszeit für Rückblicke (gern in Quizform, wie es übrigens in der p.m.k. im Jänner geschehen wird) und Jahrescharts. Meine liebste Kategorie als alter Shipper (so heißen Leute, die sich für fremde Liaisonen begeistern) sind die besten Promi-Trennungen, die heuer Miley Cyrus und Liam Hemsworth im August bereits für sich entschieden haben. Miley war ferner beteiligt an der besten Kollaboration 2019, dem Song zum neuen Charlie’s-Angels-Film. Hier ließ sie gemeinsam mit Lana del Rey die jüngste der Kollaborateurinnen, Ariana Grande, so aussehen wie die Supremes im Vergleich zu Diana Ross oder wie Kelly Rowland und Michelle Williams im Vergleich zu Beyoncé. Für die, die bei Girlgroups der 1960er und 1990er nicht so bewandert sind – damit will ich sagen: wie eine uncharismatische Background-Sängerin. Ich wundere mich, dass Ariana Grande keine Freundinnen hatte, die es ihr rechtzeitig gesagt haben.


PlaylistEine weniger erfreuliche Kategorie der Jahrescharts ist der Nekrolog, also die prominenten Verstorbenen des ablaufenden Jahres. Hier wird der Pop-Künstler Daniel Johnston sicher in vielen Listen sehr weit oben gereiht werden. Johnstons seit den 1980ern auf selbst überspielten Kassetten und später auch professionell vertriebenen Songs und Zeichnungen erspielten ihm eine weltweite, sehr treue und sehr passionierte Fangemeinde. Es ist leider kaum möglich, sein gerade in seiner Ungeschliffenheit und häufig schroffen Direktheit so besonders unmittelbar berührendes künstlerisches Schaffen von seiner psychischen Krankheit (ihm wurde u.a. eine Bipolare Störung diagnostiziert) zu trennen, die zum Beispiel in Jeff Feuerzeigs Dokumentarfilm „The Devil and Daniel Johnston“ breit thematisiert wird. Johnston bekundete in einigen Interviews, mit dieser Darstellung nicht sehr glücklich zu sein. Und tatsächlich ist wohl der geniale, aber wahnsinnige, leidende Künstler für Betroffene ein sehr zynisches Klischee der „Gesunden“. Das Leid zu romantisieren, das Johnston wohl nicht nur wegen seiner Krankheiten zu teil wurde, sondern auch aufgrund der Gesellschaft, die damit nicht umgehen konnte, und ihn darauf zu reduzieren, wird jedenfalls einem Künstler nicht gerecht, der der Welt z.B. eine Hymne wie „Don't Let
the Sun Go Down on Your Grievances“ schenkte. Noch andererseits sind Songs wie dieser aber eben auch Verarbeitungen genau dieses Leids, und somit auch für in der selben Gesellschaft lebende „Gesunde“ lebensrettende Trost- und Hoffnungsspender (ich spreche aus Erfahrung!).
 

Es ist also Johnstons Vermächtnis kaum von seinem Leben und seinen Troubles damit zu trennen, auch wenn es wünschenswert wäre. Genau diese Trennung zwischen Werk und Autor fordern die Verteidigenden der Verleihung des Literaturnobelpreises 2019 an Peter Handke. Sein objektiv litarisch hochwertiges Schaffen hätte dieser Vorstellung zufolge nichts zu tun mit seinen als Privatmensch getätigten Völkermordleugnungen, seiner häuslicher Gewalt und seinen homophoben und sexistischen Aussagen. Menschlich flop, künstlerisch top – wer kennt es nicht? Unabhängig davon, ob und wie diese Trennung zwischen Autor und Werk generell und bei Handke funktionieren soll – ist nicht die dahinterstehende Trennung zwischen objektiver künstlerischer Qualität und dem Gesellschaftlich-Politischen an sich problematisch? Wie die Autorin Lea Schneider in einer der zahlreichen Social-Media-Debatten dazu anmerkte, tut das ja so „als wären nicht alle vermeintlich neutralen Kriterien für künstlerische Qualität, mit denen wir hantieren, aus einem weißen, männlichen, eurozentristischen Kanon entstanden und damit absolut spezifisch für eine ganz bestimmte Subjektposition, die dann angeblich ‚universell‘ oder ‚einfach gute Literatur‘ sein soll.“ Handke selbst bekräftigte das ironischerweise, als er auf die obige Kritik angesprochen den Titel dieser Kolumne antwortete.

 

Ich selbst komme weniger von Tolstoi und Homer und mehr von Diana Ross und Daniel Johnston. Und ich möchte gar nicht wissen, ob und wie ich ohne deren Songs durch die Neunziger, Nullziger und Zehner gekommen wäre. Schade, dass ich mich bei Daniel Johnston nicht mehr dafür bedanken kann. Bei Jamie Stewart, Frontmann meiner Lieblingsband Xiu Xiu (Jetzt hat es die im Jänner hier angekündigte Xiu-Xiu-Anekdote immer noch nicht in die Kolumne geschafft. Wird es 2020 so weit sein? Es bleibt spannend!) habe ich das betreits getan und hätte es gern wieder getan, doch deren aktuelle Tour wurde abgesagt „due to mental health issues“. Hoffentlich geht’s ihnen bald wieder besser! Immerhin die Band Team Dresch, die mich und so viele andere mit Songs wie „Don't Try Suicide“ ähnlich wie Johnston durch die Neunziger trug, erfreut sich augenscheinlich bester Gesundheit und veröffentlicht neue Songs.

 

Die Pop-Rezeption kennt halt eine andere Trennung weniger, nämlich jene zwischen Rezeption und Künstler*innen samt deren Werk. Xiu Xiu, Team Dresch und Daniel Johnston sind für mich auch so groß und vertraut (obwohl sie mich gar nicht kennen!), weil sie mich durch so viele dunkle Stunden begleiteten. Apropos: Seid auch ihr gerade jetzt in der dunklen Jahreseit nicht wie Ariana Grandes Bekannte, sondern sagt es den Betreffenden, wenn jemand sich selbst (künstlerisch oder sonst) schadet und vor allem: Passt aufeinander auf!

Xiu Xiu