Neulich habe ich mir einen 10 Jahre alten Spielfilm angeschaut, der noch als leidlich aktuell gelten konnte, als ich diese Kolumne im Frühling 2017 zu schreiben begann: Jupiter Ascending von den Wachowski-Schwestern, ein völlig zu unrecht völlig vergessenes Trainwreck/Lehrstück in Sachen Camp. Mila Kunis, deren hypermotiviertes Schauspiel zum Charme ebenso beiträgt wie das angenehm unhingede Drehbuch, spielt darin eine in Chicago als Putzfrau tätige Migrantin, die plötzlich erfährt, in Wahrheit eine außerirdische Königin zu sein, die zu den reichsten und mächtigsten Menschen des Universums gehört. Es handelt sich also um eine SciFi-Variante der mir sehr am Herzen liegenden Plötzlich-Prinzessin-Trope.
Darüber berichtete diese Kolumne (vgl. Ausgabe #44) bereits. Ich schreibe diese Kolumnen alle in einem einzigen Dokument, das aktuell eine gute halbe Million Zeichen auf 228 Seiten hat, da sich darin nicht nur die jeweils veröffentlichten Fassungen finden, sondern auch die immer weitaus längeren Entwürfe und früheren Fassungen. In schwachen Momenten stellte ich mir vor, wie, wenn ich einmal nicht mehr sein werde, ein Haufen junger schöner Literaturwissenschaftler*innen traurig vor diesem Nachlass-Dokument herumstehen wird wie in einem Almodovar-Film aus den 90ern. Sie werden die wahre Komplexität dieses Gesamtkunstwerks dann endlich angemessen würdigen. Aber dann wird es zu spät sein!
Schon jetzt kann ich selbst mittels Volltextsuche überprüfen, wie häufig bestimmte Themen und Begriffe hier bereits vorkamen: 90er z.B. 50x. Und ich muss gerade mit Erschrecken feststellen: Makeover findet sich bisher nie (die Top 3 hingegen: ich (822x), Pop (164x) & p.m.k (109x).
Doch eine Makeover-Szene gehört zu jeder guten Verarbeitung des Plötzlich-Prinzessin-Stoffs, und so findet sie sich auch in Jupiter Ascending, inklusive des dazugehörenden Widerwillens der umzugestaltenden Figur, die glaubt, sie selbst bleiben zu wollen, um am Ende doch normschön zugerichtet im spektakulären Brautkleid zum Altar zu schreiten. Und das ist ja auch die klassische Kritik an Makeovers: Sie seien Nachgeben gegen die neoliberale kapitalistische Selbstoptimierungs-Verpflichtung, bestenfalls Symptombekämpfung und schlimmstenfalls konformistisch normierende Gleichmacherei. Was ja alles auch stimmt! Doch es ist halt eben beides wahr: Es gibt auch Menschen, die aus sehr guten Gründen andere aus sich machen als die, als die sie von den anderen zunächst wahrgenommen wurden. Wir Meuse können und sollen mehr, anderes, Andere aus uns und einander machen, nicht wir selber sein (vgl. Kolumne #1), wir können statt sein auch werden – diese empanzipative Story erzählen Makeover-Szenen auch.
Denn das diffuse Gefühl haben alle: Irgendwas stimmt hier nicht. Interessant ist, wer daraus welche Schlüsse zieht. Bin ich es oder die Welt, die falsch ist? Das Pendant zum Makeover ist die Alternate-Universe-Trope (ebenfalls #1), in der sich die Figuren genau diese Frage stellen müssen. Und was ich mich immer noch frage: Woher nehmen die Dorothys (#5, #45) dieser Welt die Sicherheit, dass Kansas besser ist als Oz? Dass sie zu den Guten gehören? (#40, #45) Wie konnte es ironischerweise soweit kommen, dass ausgerechnet die Entscheidung der Figur der Wachowski-Schwestern Neo, die rote Pille zu schlucken, inzwischen von den eindeutig falschen vereinnahmt wurde – jenen, die sich eine noch falschere, noch schlechtere Welt wünschen, eine faschistische nämlich?
Das ist beim Wiederlesen nebst Adorno-Funfacts (50x, #6, #29) das am auffälligsten seit acht Jahren hier immer wieder verhandelte Thema: Die Wiederkehr des Faschismus (#1, #6, #14, #24, #38), stets verbunden mit der zweifelnden Frage, ob vor dem Schlechten zu warnen nicht aufmerksamkeitsökonomisch falsch ist, weil es dem Falschen Reichweite schafft, und ob es also sinnvoller wäre, davon zu schweigen und vom Guten zu reden, um mit- und füreinander die Besseren zu werden.
Und die aller-allermeiste Zeit redete ich hier dann folgerichtigerweise eben genau darüber, bzw. die dahinterliegende Frage: Wie das überhaupt gehen soll, jemaus zu sein und werden. Oder mit anderen Worten, über meine heilige Dreifaltigkeit: Buffy Summers (31x), Miley Cyrus (29x) und Britney Spears (87x). Nach diesem letzten gedruckten p.m.k-Programmheft wird diese Kolumne ein Makeover bekommen und online dabei bleiben, immer eine andere, kryptischer, emanzipativer zu werden. Danke an alle in unserem cultural life support system fürs Zweifeln Lassen, Lesen – und wir sehen uns auf der anderen Seite. Und nie vergessen:
Wir sind nicht allein.
They'll never bring us down.
Es ist sehr entspannt hier.
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Martin Fritz