Eine Welt voller Welten voller Hoffnung
Neulich war ich (auch wenn ich eigentlich lieber Früh-90er-Jahre-Retro-PC-Games gespielt und darüber sinniert hätte, was die Figuren dieser Games wohl heute so machen), wie es mein Berufsleben eben auch so mit sich bringt, bei einer Veranstaltung als eine Art Pausenclown engagiert, bei der das Kuchenbuffet jeder Kaffeepause bestimmt mehr gekostet hat, als die Jahressubventionen der Kulturvereine, deren Repräsentant*innen (wie z. B. und zuallererst ich) sich diese Kuchen dort naturgemäß brav schmecken ließen und ebenso naturgemäß nie öffentlich ein Wort der Kritik darüber sagen würden, und es hat auch wirklich sehr gut geschmeckt.
Das Problem oder zu Kritisierende ist auch gar nicht, dass ein Buffet reich gedeckt ist, sondern dass es eben eines dieser altbekannten dunklen Zauberkunststücke des Kapitalismus ist, gleichzeitig dem (zu) wenigen Geld immer sagen zu können, dass es halt leider leider leider kein Geld mehr gibt und wir alle sparen müssen und das viele Spielgeld wundersamerweise doch immer noch im Überfluss vorhanden ist, no questions asked. Das ist nicht eine bizarre bedauernswerte Ausnahme oder ein Fehler irgendwelcher Einzelpersonen, sondern ganz einfach the name of the game.
Der Name von Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet, wurde jedenfalls zum Namensgeber meiner neuesten Obsession, des Condorcet-Paradoxons, das bei kollektiven Entscheidungsprozessen auftritt. Es besagt grob gesagt, dass es möglich ist, dass eine Mehrheit eine Option X gegenüber einer Option Y bevorzugt, während zugleich eine Mehrheit die Option Y gegenüber einer Option Z bevorzugt und trotzdem gleichzeitig eine Mehrheit die Option Z gegenüber der Option X bevorzugt. Anders und noch viel einfacher ausgedrückt: Sehr häufig kommt, wenn wir uns in einer Gruppe mittels Mehrheitsabstimmungen für eine von mehreren Möglichkeiten entscheiden, etwas heraus, das so fast niemand gewollt hat. Dagegen wurden verschiedene komplexe Abstimmungsverfahren entwickelt, wobei das Resultat in Kurzfassung und hart gesagt ist: So ganz lassen sich Condorcets und verwandte Probleme nicht lösen. Mir ist nicht bekannt, dass diese Troubles allgemein viel thematisiert werden und auch Condorcets 1785 erstmal veröffentlichte Überlegungen wurden mehrfach vergessen und wiederentdeckt (es gibt dazu übrigens auch ein Konzept-Album von DJ Gestaltzerfall namens „↔️“).
Als eine Person, die sich regelmäßig auf beiden Seiten der diversen (meist nicht allzu divers besetzten) Jurys befindet, die das immer zu wenige Geld in Form von Preisen, Stipendien und Projekt- und Jahresförderungen auf Einzelpersonen oder Vereine aufteilen, als ob es nicht anders ginge, finde ich das schon bemerkenswert. Es würde naturgemäß nie jemand öffentlich sagen, aber jede ordentliche Jurysitzung besteht in der Realität aus stundenlangen salbungsvollen Wortbeiträgen aller Beteiligten, kurzem Real-Talk in der Kaffeepause und – wenn dann endlich alle zu müde und hungrig für Vetos sind – einer überhasteten Abstimmung mit einfacher Mehrheit. Und dennoch gilt vielen Beschäftigung mit sozialwahltheoretischen Spitzfindigkeiten als eher nerdige und unsexy Betätigung, die von den eigentlich wichtigen Inhalten ablenkt. Naja!
Wenn ich nicht gerade Kuchen esse oder in Theory-of-Collective-Choice-Rabbitholes abtauche, lese ich jedenfalls derzeit am liebsten Texte von I.V. Nuss. Es scheint wie ein Rätsel, warum Nuss’ Debütroman „Die Realität kommt“ so fahrlässig unterbeachtet wurde, aber eigentlich weiß ich es sehr genau. Denn der deutschsprachige Literaturbetrieb hat sich kollektiv darauf geeinigt, dass deutschsprachige Gegenwartsliteratur in Küchen spielt, in denen die Morgensonne in einem bestimmten Winkel hereinfällt, während der Kaffee gekocht wird. Und es gibt ziemlich abgründige Emotionen, die oft mit der Familie zu tun haben, nur die Dinge werden nicht beim Namen genannt, sondern durch die genaue Beschreibung der Sonne auf dem Küchentisch ausgedrückt.
So ist Nuss’ Literatur nicht. Sondern, wie mein*e Freund*in Helen es ausgedrückt hat, ist „Die Realität kommt“ die Antwort auf die Frage „was wenn deine Freund*innen alle trans und behindert und Furries sind und kein Geld haben und alles ist scheiße und ihr sucht die richtige Welt in der falschen, aber als experimentelle Literatur und es ist so of the MOMENT ohne cringelon zu sein“ und der Zweitling „R-O-N=O einfach ein kurzes geiles besseres Testojunkie“.
In „Die Realität kommt“ gibt es mehrere mehrmals ineinander verschachtelte und sich entfaltende bzw. ineinander zerfließende und ausfrasende (virtuelle) Realitäts- und Erzählebenen und rast, flackert und flowt die Story in einer unfassbar spannenden Mühelosigkeit dahin, die maus hinterher konventionellere Texte, die nur in einer Welt spielen statt in einer Welt voller Welten, nur mehr peinlich berührt ansehen lässt. In einer dieser Abzweigungen des Romans schaut eine Romanfigur mit großem Fanatismus die fiktive TV-Serie „Infinity Speaks“, eine Space-Sitcom. Dies hat natürlich meine alte Liebe zu fiktiven Fernsehserien aufgewärmt und mich zurückerinnert an meine Lieblings-Episode von ALF S01E14 „Die Fernsehfamilie“, in der Alf von seiner Quasi-Schwiegermutter Dorothy zum Schauen der Soap „Eine Welt voller Hoffnung“ gebracht wird, während Alf eigentliche eine, Zitat Dorothy, „beknackte Räuberpistole“, also wohl eine Krimi-Serie, schauen wollte. Deren Titel erfahren wir über die gesamten 102 Episoden von ALF nicht, dafür aber sonst eine ganze Menge über deren Inhalte. So hat, wie Alf gegen Dorothys Vorwürfe der Banalität an die von ihm geschätzte Crime-Serie argumentiert, die in der von Dorothy unterbrochenen Folge Verdächtige Selina Gomez sich an einem Wettbewerb der Autoren beteiligt (in den 90ern hieß das halt noch nicht Autor*innen). Gomez reichte dazu eine Kurzgeschichte ein über R. DeReux, bekannt von den Seriensiegen im Tournament-Modus im PC-Spiel The Games: Winter Challenge. Nach der aktiven Sportkarriere sattelte DeReux auf Informatik um und versuchte – dabei Unmengen Monster Ultra Lavender konsumierend – ein spezielles Online-Abstimmungsverfahren zu programmieren, das die negativen Folgen des Condorcet-Paradoxon bestmöglich abschwächen sollte. In der Freizeit schaut DeReux sich in Gomez’ Text gern „Infinity Speaks“ an. Selina Gomez, so berichtet Alf in einer anderen Episode weiter, hat damit zwar nicht gewonnen, aber einen Anerkennungspreis zugesprochen bekommen, wurde zur Preisverleihungs-Gala geladen, und steht im Season-Finale von „Eine Welt voller Hoffnung“ nachdenklich neben einem Buffet, das vermutlich mehr gekostet hat als sämtliche Preisgelder zusammen.
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