05.03.2026

You Ain’t Seen Nothing Yet

Martin Fritz

Editorial für März/April 2026

Sogar wer noch so privilegiert, optimistisch, ignorant oder mehreres davon ist, wird augenblicklich gelegentlich nicht umhinkommen festzustellen, wie – for lack of a better wordschlimm (wiederum: for lack of a better word) alles ist. Ich muss euch also erstens hier schon gar nicht lang aufzählen, was lokal bis global – gelinde gesagt – gerade alles den Bach runterläuft, zweitens ist dieser Zustand weder neu, noch wird er sich so bald grundlegend ändern und drittens ist es einfach meine mir nicht auszutreibende Überzeugung, dass diese Editorials (wie mein gesamtes Wirken in diesen wirren letzten Tagen des Spätkapitalismus) grundsätzlich auf einer anderen Ebene angesiedelt sind und nicht Vom Schlechten Reden, sondern Das Schöne Schauen sollen und wollen.

Was also gibt also es Neues vom Guten im noch halbwegs neuen Jahr 2026? Viele Menschen finden gerade viel Freude in einer kleinen TV-Serie namens Heated Rivalry (in der Folge kurz HR), deren Prämisse einfach ist (und genau darum geht es unter anderem auch): Zwei Ice-Hockey-Profis sind am Eis erbitterte Konkurrenten, die hauptberuflich bei verfeindeten nordamerikanischen Teams spielen, privat jedoch ein Liebespaar. Und keine Angst, dies ist nicht der Ort eines weiteren Hot Takes dazu (von denen nämlich kein Mangel besteht, konsultiert dazu bitte gerne auf eigene Verantwortung hin das Internet eurer Wahl), nur das eine Offensichtliche sei doch gesagt: HR ist für eine Serie, die sich einer schwulen Beziehung und schwulem Sex widmet, doch erstaunlich unqueer. Es ist ein (an vielen Details – wie etwa der Projektion von Queerfeindlichkeit auf Russland (während es davon im übrigens auch extrem weißen Profi-Ice-Hockey Nordamerikas keinen Mangel gibt) – festmachbarer) sehr Straighter Gaze, den HR auf sein Personal wirft.

Das lässt sich HR allerdings auch gar nicht sinnvoll vorwerfen, steht die Serie und noch mehr ihre Romanvorlagen von Rachel Reid doch in der alten und ehrwürdigen Tradition namens Fan-Fiction, in der hetero cis Frauen, die diesbezüglich kein brauchbares Angebot vorfanden, sich ihre Romances bzw. Schmuddelstorys einfach selber schrieben – bevorzugt mit schwulen Figuren, da diese – to state the obvious once more – eben Sex unter Beteiligung von Männern haben können außerhalb eines patriarchalen (naturgemäß lust-killenden) Machtgefälles. Selbst unter schwerer Folter wird mir kein schlechtes Wort zu entlocken sein über diese richtige, wichtige und gute subkulturelle Traditionslinie, die jetzt gerade im Mainstream (wenn es so etwas noch gibt oder jemals gab) the moment ist (wie maus das augenblicklich wohl so nennt). Und versteht mich nicht falsch: Auch ich habe mir die Serie mit großem Vergnügen mehrmals angeschaut. Aber bemerkenswert finde ich doch, dass wir 2026 also as a society an einem Punkt sind, wo sehr unqueere Queerness the moment ist (was on some level vielleicht auch gerade wieder irgendwie queer ist? Idk, wie maus dazu wohl gerade so sagt).

For what it’s worth: Es hat auch mich of all people dazu gebracht, Fan-Fics von meiner eigenen zweiten aktuellen Obsession zu schreiben, nämlich von der Kochsendung alfredissimo!. Weil mir die 459 Folgen reinsten Camps nicht genug sind (ja, es ist wirklich exakt so schlimm, don’t judge!), male ich mir z. B. aus, was die beiden nordischen Kombiniererinnen und Zwillingsschwestern Haruka und Yuna Kasai bei Alfred „Bio“ Biolek kochen würden, wenn er noch lebte, oder wie der analytische Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein versucht, Kartoffelknödel zu kochen, die ihm prompt zerfallen. Während Bio ihn zu trösten versucht, murmelt Wittgenstein entschuldigend: „Zuhause macht das halt immer Francis“. Solch unleserlicher Quatsch, gespickt mit Zitaten aus dem Pink Book und allem, was gerade popkulturell sonst noch the moment ist, fließt mir so mühe-, sinn- wie endlos aus den Fingern, es wächst sich zu einem selten abwegigen Konvolut sagenhaften Unsinns namens Die Kombinierer*innen an, doch wie gesagt: Urteilt nicht, wir haben alle unsere Strategien damit umzugehen, wie schlimm gerade alles ist.

Und wenn ich einen Absatz früher behauptet habe, HR basiere auf Fan-Fiction, so ist das natürlich auch nur teilweise wahr, denn es kommen darin eigentlich keine einem anderen Franchise oder Cinematic Universe oder other piece of media entnommenen Figuren in unkanonischer und unerlaubter Weise vor. Der Bezug liegt hier wie gesagt eher in der Traditionslinie, in der (traditionell zunächst noch Amateur-Autorinnen aka Fans) Romance schreiben, die sich dabei sonst eben häufig bei bereits bekannten fremden Figuren bedienen. Und auf einer allgemeineren Ebene ist dies, wie ich an anderer Stelle bereits einmal schrieb, auch nur ein künstlerisches Schaffen, das tut, was alles für uns Relevante tut: aus dem Müll, in dem wir leben müssen, aus den Fehlern der letzten 10.000 Jahre, aus der Wut, aus der Darkness Kunst zu machen.

Vor sehr langer Zeit wurde so etwas, also die Trennung von Künstler-Genie-Gott und ehrfürchtig konsumieren sollendem Publikum nicht zu akzeptieren, sondern einfach mal selber machen, sowie das Arbeiten mit dem Vorhandenen, dem Kaputten, dem Sondermüll der Gesellschaft, um daraus das Schöne zu machen, auch einmal ganz anders genannt: Punk. Wie wichtig, richtig und gut das ist, gerade und besonders wenn geradeTM allesTM soTM schlimmTM istTM, davon wissen einige Menschen im p.m.k-Kosmos, wie ich denke, doch so einiges. I for one, bin schon gespannt, was wir da noch so alles zu schauen bekommen.

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Nur 3 Likes: Das war wohl *zu* voraussetzungsreich.