I knew a girl who wrote "Silent All These Years"

Martin Fritz

Ich kann es beim besten Willen nur teilweise als meine Schuld verbuchen, dass mein aktuelles Editorial ähnlich beginnt wie das vorige, denn die glokalen Rahmenbedingungen blieben halt wie zuletzt vorhergesehen dabei, immer schlimmer zu werden. Möglicherweise werden die Ende April aktuellen Themen des Doomscrollens sich während (oder nach) Ablauf des Geltungszeitraums Mai-Juni 2026 dieser Zeilen also schon irgendwie überholt anfühlen.

Rekorddürre und -Hitze, während Super-El-Niño sich gerade erst richtig wärmläuft und die diversen Kriege die Ölpreise und die Vermögen rechtsextremer Phantastilliardäre in höchste Höhen treiben, noch ein hetero cis Mann hat einer Partnerin oder Untergebenen unfassbare Gewalt angetan und die Innsbrucker Stadtregierung hat schon wieder einen Kulturort abgedreht – was waren das noch für Zeiten, als nur das die Probleme waren, werden wir dann fast schon nostalgisch sagen. Beziehungsweise werden wir es in Emailnewsletter hineinschreiben und in an lustigen Gegenständen anmontierte Puschelmikrofone hineinsagen, denn was anderes fällt uns auch nicht mehr ein, während rund um uns sowieso alles, was früher mal Fakten und Schönheiten waren, in einem bösen Brei untergeht, den rechtsextreme Phantastilliardäre uns mit dem letzten Erdöl und Trinkwasser aufkochen und -tischen. So zu tun, als gäbe es all das gar nicht, fühlt sich auch irgendwie falsch an. Doch will wer so was lesen (geschweige denn schreiben)? Ja wohl kaum!

Deshalb widmen wir uns dem anderen weltbewegenden Ereignis des Mai 2026: Exakt zwanzig Jahre nach dem damals von den richtigen Leuten aus den richtigen Gründen mit dem richtigen (aka existenziellen) Eifer verehrten ersten Teil ist soeben der Spielfilm „The Devil Wears Prada 2“ erschienen. Natürlich ist dieses Ereignis nur relevant für alte Menschen, die 2006 schon im filmschaufähigen Alter waren.

Noch ältere Menschen denken bei legendären Film-Sequels mit langem zeitlichen Abstand an die Before-Filmreihe, die mit  „Before Sunrise“ (1995) begonnen und mit „Before Sunset“ (2004) und „Before Midnight“ (2013) fortgesetzt wurde, während „Before Noon“ aus den bekannten Gründen seit 2022 überfällig ist. Auch diese Filme werden von einem dementsprechenden Publikum sehr verehrt und es spricht objektiv exakt nichts dagegen, einem normschönen Hetero-Pärchen beim stundenlangen Labern stundenlang zuzuschauen. Wer daran Freude hat: by all means knock yourselves out – immerhin drei Filme gibt es und besser als Doomscrollen tut es bestimmt allen.

Noch ältere als die noch älteren Menschen denken hingegen an „Dirty Dancing“ (1987), dem „Dirty Dancing: Havana Nights“ (2004) folgte, während „Dirty Dancing: Montréal Morning“ (2021) ebenfalls ausblieb. DD, wie wir die Filme gerne abkürzen (wie witzigerweise auch  Pop-Papst Diedrich Diederichsen und Gegen-Papst Dietmar Dath, weswegen ich übrigens seit geräumer Zeit überlege, das Alliterations-Allonym Fritz Friederichsen zuzulegen, aber das nur nebenbei), bietet in etwa das selbe wie die Before-Filme, nur geht es dabei eigentlich um das Recht auf körperliche Selbstbestimmung, es wird mehr getanzt und indirekt ist die Filmreihe eben dafür verantwortlich, dass wir das wertvollste Welterbekulturgut „Hips Don’t Lie“ haben.

Aber was labere ich hier stundenlang über normschöne Pärchen, eigentlich wollte das lange sneaky Ablenkungsmanöver dieses Textes euch doch Verbesserungsvorschläge zu „The Devil Wears Prada 2“ unterjubeln. Denn wenn ein Film solch big shoes to fill hat, kann das nur damit enden, dass die Fans furious sind und exakt so ist es auch gerade. Da wird ernsthaft darüber diskutiert (und ich verzichte jetzt bewusst auf Nacherzählungen der Handlungen eines 20 Jahre bzw. 2 Tage bis 2 Monate alten Films um niemand zu spoilern und zu langweilen), ob in der Szene gegen Ende des Films, als Andy und Emily (die für den Konzern Dior arbeitet) einander nach Emilys Niederlage wiedersehen, im Hintergrund ein Cover des Songs „Christian Dior“ zu spielen den Film gerettet hätte (das ist lustig, weil darin die sehr gut zu Emilys Situation passenden Zeilen vorkommen: „You wasted your life / on grandeur and style / making the poor rich smile“). Die Originalversion von Morrissey kommt natürlich nicht in Frage, weil der es nicht lassen kann, öffentlich menschenfeindlichen Unsinn zu sagen. Das waren noch Zeiten, als wir noch aufgeregt darüber diskutierten, wie gut oder schlimm oder egal es ist, jemand zu cancelculturen (aka Musik von Leuten nicht mehr hören zu wollen, die es nicht lassen können, öffentlich menschenfeindlichen Unsinn zu sagen) – und jetzt verbieten die verschiedenen rechten bis rechtsextremene Regierungen einfach komplett ungeniert alles, was ihnen nicht passt.

Zum guten Glück kommt es sowieso generell nicht in Frage, in irgendeinem Teil von „The Devil Wears Prada“ Musik von problematischen alten weißen Menners zu spielen, und sind (nicht nur, aber auch) deshalb solche Verbesserungsvorschläge zu „The Devil Wears Prada 2“ ohnedies müßig – it is, what it is. Statt 20 Alternativvorschlägen zu „The Devil Wears Prada 2“ wäre es also angezeigter, jetzt schon 30 bis 300 Pitches zu formulieren für „The Devil Wears Prada 3“, der 2046 erscheinen wird (ich würde einen Wechsel ins Vampir-Genre vorschlagen, das ganze in Raumschiffen mit Dinosauriern).

Und wenn wir schon mal dabei sind: Vielleicht hilft es in der aktuellen Situation auch, anstatt immer zurückscrollend auf die neuesten Horrornachrichten zu reagieren (die wirken wie eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft), den Blick zu weiten und nach vorn zu richten, also 40 bis 400 Pitches zu entwickeln, wie unsere ebenfalls neulich 20 Jahre alt gewordene p.m.k in 20 Jahren sein wird.

Pitch #1: Da wo früher eine Autobahn war, die es nicht mehr braucht, weil niemand mehr mit privaten Kraftfahrzeugen fährt, auf der ganz neuen Bögenmeile also, neben 50 bis 500 weiteren kleinen geilen Läden mit Blick auf Innsbruck, residiert die p.m.k, für die Fritz Friederichsen keine Editorials mehr schreibt über sehr alte Filme, aber es spielt bei einem der allabendlichen Bögenfeste eine Band namens „Cerulean Florals For Spring“ oder „Monster of the Week“ oder „Super-Doom“, die sich erst gründen wird, eine Coverversion des Dorian-Electra-Songs „Hips Don’t Lie“ und die alten und älteren wie die jungen und jüngeren Menschen würden vergessen, auf ihre Mobiltelefone zu schauen, wenn sie noch welche hätten, doch auch diese Plage wird endlich vorbei sein.

Aber: Vielleicht ist das alles auch problematischer Unsinn? Sagt ihr doch, wie eurer Meinung nach die p.m.k in 20 Jahren aussehen wird – und einen Pitch für „The Devil Wears Prada 3“ nehme ich gern obendrauf!


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Und welche Trümmer auf Trümmern werden in 20 Jahren so herumliegen wie diese hier?