I refuse to take part

Martin Fritz

Editiorial für Juli/August 2026

CW: Schlechte Laune und Verallgemeinerungen, Klimakatastrophe, Soziale Ungerechtigkeit

Eine meiner eindrücklichsten frühen Kindheitserinnerungen ist es, irgendwann in den späten 1980er-Jahren – von meiner Oma bestens mit Himbeersirupwasser und Schokokeksen versorgt – auf der Wohnzimmercouch meiner Großeltern zu sitzen und im Fernsehen eine Dokumentation zu sehen, in der erklärt wurde, dass, wenn die Menschheit so (also u.a. Erdöl verbrennend als gäbe es davon unendlich viel und hätte es keine Folgen) weitermacht, gleich zu Beginn des nächsten Jahrtausends katastrophale Folgen eintreten werden, die die Menschheit nicht mehr kontrollieren wird können und die unsere Lebensgrundlage auslöschen werden. Völlig neu war mir das als Kind von Eltern, die das nach Kräften zu verhindern versuchten, zwar natürlich sicher nicht, aber dass das sogar einfach so im Kinderfernsehen gesagt wurde – das war dann doch ein Schock, der sich eben eingeprägt hat.

Ich kann mich noch sehr genau erinnern, wie dieses Bewusstsein in meine bis dahin vollständig behütete und glückliche Kindheit einbrach, dass, wenn wir nicht etwas Grundsätzliches ändern, alles noch zu meinen Lebzeiten vorbei sein wird. Und damals (und mal ganz ehrlich gesagt bis heute) hat mich daran fast am meisten erstaunt, wie wenig es Thema ist, wenn doch alle ganz genau wissen, dass und was passieren wird. Doch ich merke ja selbst, wie unangenehm es immer ist, es (egal wie vorsichtig und abschwächend auch immer) anzusprechen. Und wie ich selbst auch immer wieder das Wissen und Gefühl, das alles ganz katastrophal falsch ist, verdränge, um halt irgendwie weitermachen zu können.

Ich schreibe diese Zeilen schwitzend mit den Füßen in einem Schaffel mit Eiswasser, mit einem eiskalten Handtuch auf den Schultern und dem Ventilator auf Anschlag. Und dabei wird 2026 mit ziemlicher Sicherheit einer der kältesten Sommer bleiben, den wir noch erleben werden (es sei denn, der Golfstrom kollabiert bereits zu unseren Lebenszeiten, wie es so unwahrscheinlich gar nicht ist, in which case… aber lassen wir das).

Ich schreibe diese Zeilen mit der Wut im Bauch, dass wir es ganz genau gewusst haben, und mit der vergleichsweise fast lächerlichen, aber dennoch gleichzeitig bestehenden Wut im Bauch, mal wieder erfahren zu müssen, wie lächerlich wenige Euros an Subventionen die ganzen kleinen Kulturvereine bekommen, während es der gesetzliche Auftrag der Gebietskörperschaften ist, Kultur zu fördern, und während einfach alle (wie das so schön heißt) Kulturabeiter*innen, die ich kenne und mit denen ich rede, zu wenig und immer noch weniger Geld haben und bekommen und bald noch weniger bekommen werden, alle im Grunde schon lange einen Mangel verwalten, bei Kooperationen und überall sonst immer um die immer noch lächerlicher kleineren Beträge streiten müssen, jaja wir würden gern mehr Honorar zahlen, jaja die Miete und Technik-Pauschale würden wir euch gern erlassen, aber yadayadayada leiderleiderleider, ja müssen wir halt alle bei uns selber sparen, müssen wir halt die eine Veranstaltung der Reihe streichen, es geht halt LEIDER nunmal nicht anders… All das ist ein Feel, das gewiss alle Menschen im PMK-Kosmos bestens kennen – ich erzähle hier wirklich niemand nix neues.

Ich schreibe dieser Zeilen, während die IG Kultur mal wieder in einer Aussendung über die so genannten Sparpläne der Bundesregierung macht, wonach leiderleiderleider soundso viele Millionen Euros bei der freien Kulturförderung eingespart werden müssen, während aber wundersamerweise natürlich die freie Kulturszene und kleine Tätige verschont bleiben sollen, äh, werden, äh, sie wissen nur noch nicht wie, aber wurscht, wer liest schon so genau, und während die selbe Bundesregierung und die Gebietskörperschaften immer gern stolz darauf sind, dass jetzt überall (wie es so schön heißt) Fair Pay eingeführt wird (es weiß wohl nur ich nicht, wie sich das jetzt plötzlich ausgehen soll), während die selbe Bundesregierung im Jahr 2026 die Verbrennung von fossilen Brennstoffen mittels privater Kraftfahrzeuge BEZAHLT, es weiß nur niemand so genau, mit wie vielen hunderten bis tausenden Millionen Euros, denn die Gesamtkosten der Spritpreisbremse für den Staat lassen sich nicht in einer festen Summe beziffern, da sie als Steuerausfall über eine reduzierte Mineralölsteuer funktionieren und dynamisch an die jeweiligen Spritpreise gekoppelt sind, und all das schreibe ich, während ein paar hunderte Meter von mir entfernt die ersten (wie es so schön heißt) Immobilien-Projekte eines Menschen immer noch herumstehen, der inzwischen ein paar Stunden mit dem Railjet entfernt im Häfen sitzt und ein paar Milliarden (das sind tausende Millionen!) Euros einfach so, ja was eigentlich? Wie sagt maus das so, dass es rechtlich in Ordnung ist? Erfunden? Verloren? Gefunden? Entdeckt? Irgendwas halt hat, nachdem die Milliarden erst nicht da waren und dann schon, und jetzt irgendwo oder auch nicht sind, niemand weiß es so genau.

Und da will irgendwer für den Bruchteil einer Sekunde with a straight face behaupten, das alles irgendwie AUSZUHALTEN, als normal zu akzeptieren, einfach irgendwie weiterzumachen sei irgendeine irgendwie auch nur annähernd angemessene Reaktion auf IRGENDWAS

Ich schreibe diese Zeilen, während in meinen Kopfhörern Johanna Holt Kleive, Nikoline Spjelkavik und Victoria Røising die Zeilen singen: „This is abuse / How come they robbed us for humanity? / I blame you all / Tyrants will fall / The kids will kill us“. Die Lyrics stammen aus dem Song „The Kids Will Kill Us“ der Black Metal Band Witch Club Satan. Es gibt – gerade im PMK-Kosmos – weitaus Berufenere als mich, um zu analysieren und zu beschreiben, inwieweit sich Witch Club Satan auf Genre-Traditionen, -Symbolik und -Zitate berufen sowie diese weiter- und umschreiben, wenn sie sich in ihren Lyrics einer besonderen Drastik, Aggression und der Heftigkeit starker Zeichen bedienen.

Doch liegt in dem Song auch mal abgesehen von irgendeiner Metaphorik oder Gschigschasti auch ganz wortwörtlich und als sehr präzises Gefühl genommen eine letztlich befreiende, mir sogar Hoffnung gebende POWER, nämlich genauer gesagt darin, es wenigstens einmal einzugestehen: Die einzig halbwegs nachvollziehbare Reaktion der Kids auf die Gesellschaft, die wir Menschen erbaut haben, die wir weitergeben, die wir sind, dass die einzige Reaktion von allen, die noch irgendetwas wissen und fühlen, immer schon war, immer ist und immer bleiben wird: Sie fundamental abzulehnen. Da sie alright sind, werden die Kids uns blamen.

Das Video zur Kolumne von Martin Fritz

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Picture unrelated (ursprünglich wollte ich in diesem Editorial darüber schreiben, kistenweise jahrzehntealte Bücher, CDs, kopierte Texte, Zeitschriften ausgemistet zu haben, doch zum Glück (denn wer will so was lesen!) musste ich mich dann ärgern