Flesh und Fluids

Martin Fritz

Editorial für September/Oktober 2026


Während ihr dies lest, bin gerade in meiner Pixiedorf Era. Natürlich heißt der Ort, wo ich mich dann bzw. gerade aufhalte, nicht „wirklich“ so, aber so viel privacy darf dann doch gerade noch sein, dass ich den offiziellen Namen hier nicht öffentlich kundtue. Jedenfalls darf ich in der niederösterreichischen Provinz ein am Rande einer „Siedlung“ (es entzieht sich ein bisschen meiner Kenntnis, wie diese Ansammlung einer Hand voll zu gleichen Teilen leer stehender und bewohnter Häuschen mit Garagen in Eigenheimgröße davor „richtig“ heißt) gelegenes Häuschen samt Garten eines Freunds in dessen Abwesenheit hüten. Und wenn ich dabei nicht gerade das von den dürregeplagten Obstbäumen vorzeitig abgeworfene Fallobst und Laub aufklaube, „schreibe“ ich an einem „Roman“, der im Staub der Sterne spielt, in dem sich Userx bei findorama.net einloggen und mit Fremden über obskure Black-Metal-Bands, Horror-Filme und Geldduschen diskutieren. Mit anderen Worten: Ich sitze auf der Terrasse, schaue den Vögeln und Sternen zu, lese feministische Theorie und denke über 25 Jahre alte TV-Serien nach. Dahinter sind nur mehr Weinberge, Wälder, Rehe. Ihr könnt euch die Location also ein bisschen vorstellen wie die eines inzwischen leer stehenden Summer Camps eines irgendwie problematischen und trotzdem oder gerade deswegen heiß geliebten Slasher Movies aus den 1980er Jahren.

Und ich will es nicht sugarcoaten: Es fühlt sich schon sehr, sehr strange an, ausgerechnet im Spätsommer des Jahres 2026 zwischen den braunen Wiesen, den verdorrten Maisfeldern, den bereits halb kahlen Bäumen zu sitzen und zu versuchen, am Rand einer abseitig-nischigen Nische von „Literatur“, dieser zunehmend bedeutungslosen Nische der gesellschaftlichen Nische namens Kunst, zu arbeiten, während die Checker und Macher allerorts lautstark verkünden, dass niemand mehr liest und alle Verlage sofort zusperren und die Programme der Tech-Bro-Milliardäre das besser können und wir überhaupt andere Sorgen haben, weswegen wir in allen Provinzen Data Centers auf die verdorrten Felder bauen müssen und Geld ist sowieso keines mehr da für Leute wie uns. Es ist schon eine seltsame Zeit!

In dieser seltsamen Zeit (bzw. bereits 2024, aber seien wir ehrlich: seltsam war es damals auch schon) ist ein von der Literaturwissenschafterin Emma Heaney herausgegebener Reader namens Feminism against Cisness erschienen. Die (jetzt einmal extrem vereinfacht zusammengefasste) Grundthese des Sammelbands steckt bereits in Titel: Feminismus, der diesem Namen gerecht wird, darf sich nicht damit begnügen, einzelnen „Frauen“ in der bestehender Machtordnung einen Aufstieg zu ermöglichen, sondern muss die dahinter steckende Struktur angreifen, die dieses Mächtgefälle überhaupt erst erzeugt: Cisness. Damit bezeichnet Heaney die Vorstellung, es gebe nur exakt zwei Geschlechter, die sich immer an exakten einzelnen Merkmalen von Körpern festmachen lassen und aus dieser Festschreibung von Körpern folge ganz „natürlich“ alles (z. B. dass die eine Art von Arbeit gratis gemacht wird und die andere entlohnt). So ausgesprochen wird die Bizarrheit dieser Vorstellung sichtbar, weswegen sie eben bei ihrer Reproduktion naturalisiert wird, d. h. immer wieder unsichtbar gemacht werden muss, bis sie als unhinterfragbare natürliche Wahrheit erscheint bzw eben unsichtbar bleibt. Und während also eigentlich notwendig gar keine Körper, niemand der Vorstellung von Cisness ganz genügen kann (weil Körper und ihre Beziehungen zueinander immer komplexer und messier sind, als Cisness vorgibt), gibt es eine Gruppe von Menschen, die „normalerweise“ als trans benannt und markiert werden, und die stellvertretend für alle das Andere von Cisness repräsentieren, die dann eben als ein nicht näher bezeichneter unhinterfragbarer Normalfall scheinen kann.

Der Sammelband bietet somit einen Blick auf unsere Gesellschaft, in dem trans Personen nicht als freaks of nature erscheinen, die je nach politischem Gusto „toleriert“ oder bekämpft gehören, sondern als in besonderer Weise von einem Zwangssystem namens Cisness Betroffene, das letztlich alle gängelt und der eigentliche Angriffspunkt von Feminismus sein muss.

Diese mit Blick auf Weinberge, Wälder und Rehe gelesene, zugegebenermaßen schon eher abstrakte Theorie (und ich will es nicht sugarcoaten: beim Schreiben haben mich meine inneren Erstleser*innen schon mit gezückten Mistgabeln und Speeren überlaut gefragt, was das alles schon wieder mit unserer PMK zu tun haben soll) wird anschaulich in aktuellen Kunstwerken, die sich an Genres bedienen, die sich traditionell furchtlos mit Fleisch und Flüssigkeiten beschäftigen, um genau die von Heaney und ihren Autor*innen beschriebene Erfahrung nachvollziehbar machen für Leute, die sie nicht kennen. Und die denen, die sie sehr wohl kennen, das Gefühl geben, nicht allein zu sein damit, das Gefühl, gesehen zu werden. Es sind jene, für die das Abseitige, Versteckte, Unheimliche, Geheime, Unverständliche, Andere, Bedeutungslose Bedeutung hat. Ich wünsch uns allen eine neue PMK-Saison/Herbst/whatever das zur Zeit means, in der wir alle exakt dabei gut aufeinander schauen.

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Wer sich hier einloggt, kann sich Fotos von mir in Pixiedorf und das Cover von Feminism against Cisness anschauen